Frankreich – Nordwest 2021

Gut zwei Wochen Zeit, ein Ziel, das nur vier Autostunden im Norden liegt und die Ahnung, dass uns die Reise noch weiter führen wird, so starten wir unsere Sommerferien 2021. Als fixer Ort ist das hübsche Städtchen Metz in Nordfrankreich gesetzt. In dieser Stadt an der Mosel wollen wir einen Halt einlegen. Auf dem Weg dorthin halten wir für eine Kunstausstellung in Basel und für guten Wein im Elsass.

Das leuchtende Grün am Eingang zum Beyeler Museum in Basel ist Teil der Kunstinstallation des isländische Künstler Olafur Eliasson, die unter dem Namen „LIFE“ Besucherinnen und Besucher zum Sehen, Hören, Richen und Eintauchen in diese Kunstform einlädt.

Entlang sanfter Rebhügel und blumengeschmückten Dörfern gelangen wir nach Wintzenheim. Gewürztraminer ist einer der Weine, die aus dem Elsass in die Welt exportiert werden. Der Weinbauer Christian Schaffar produziert ihn, dazu Riesling, Pinot Gris und den prickelndend trockenen Crémant d’Alsace. Nach einer mit vielen persönlichen Schilderungen gespickten Weinprobe geniessen wir es, unseren VW-Bus gleich hinter der Scheune parkiert zu haben und die einzige Aufgabe des Abends noch darin besteht ein leckeres Menu im Omnia-Ofen zu „zaubern“: Lachstranchen auf Frischgemüse.

Nur wenige Kilometer weiter nördlich an der Weinstrasse liegt Riquewihr. Das malerische Städtchen, in der Vorcoronazeit von Touristen überrannt, präsentiert sich an diesem Samstagmorgen farbenprächtig aber fast menschenleer. An der Sonne geniessen wir einen leckeren Cappuccino. Eine lustige Entdeckung ist der Büchertausch namens „S’Buechladala“ – amüsant, wie Deutsch und Französisch hier bunt gemischt Verwendung finden.

Von da geht es via den Col du Bonhomme weiter und wir gelangen in die Vogesen. An Wälder, sanften Hügeln, weiten Feldern vorbei durchqueren wir eine Vielzahl kleiner Dörfchen um via Epinal schliesslich nach Metz zu kommen.

Metz…. Chriges Text

Orléans, die Studentenstadt mit ihrer eindrucksvolle Kathedrale und einer, zum Geniessen einladenden Flaniermeile entlang der Loire, ist unser Zwischenstopp auf dem Weg Richtung Westen. Eng mit der Stadt verbunden ist der Name Jeanne d’Arc oder auch Johanna von Orleans. Sie verhalf während des Hundertjährigen Krieges bei Orléans dem späteren französischen König Karl VII zum einem Sieg über Engländer. Später geriet sie in englische Gefangenschaft und wurde 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Jedes Jahr am 30. Mai gedenkt die Stadt der inzwischen heiliggesprochenen Jeanne d’Arc als Märtyrin.

Unsere Reise führte uns an der Südspitze der Champagne vorbei. Wir fuhren entlang von riesigen Getreidefeldern die teilweise bereits gemäht waren oder mit ihren Ähren goldgelb im Sonnenlicht schimmerten. Getreide, Mais, Soja, Sonnenblumen und ein paar Buchweizenfelder wechselten sich über weite Wegstrecken und durch viele Täler ab. Wir haben uns mit Freunden verabredet, besser noch, sie haben für uns bereits den nächsten Campingplatz reserviert. In Saint-Benoît-des-Ondes verbringen wir direkt am Meer wir zwei Nächte.

Eine halbe Autostunden von hier liegt Le Mont Saint Michel.

Seit 1979 steht der Mont-Saint-Michel auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Das heutige Aussehen als Verteidigungsanlage, Abtei und Klosterkirche entstand über Jahrhunderte. Im Jahr 708 soll zu Ehren des Erzengels Saint Michel ein Heiligtum errichtet worden sein. Im 10. Jahrhundert liessen sich Benediktiner in der Abtei nieder und allmählich entwickelte sich darunter ein Dorf. Im Hundertjährigen Krieg trotzte der Mont-Saint-Michel als uneinnehmbare Verteidigungsanlage jedem englischen Ansturm. Das verlieh dem Berg Symbolwert für nationale Identität. Die 80 Meter über dem Meer thronende Anlage folgte in ihrer Architektur zwei prägenden Vorgaben: die Anforderungen an das Klosterleben und die topografische Lage auf dem Fels.

Saint-Malo, vom Tourismus geprägt aber wegen der rund um die Altstadt begehbaren Stadtmauer aus Granit zweifelsohne einen Besuch wert, zeigt sich mit blauem Himmel und angenehmen Temperaturen von einer hübschen Seite. Der Ort entstand im 1. Jahrhundert v.Chr. Im 12. Jahrhundert wuchs aus dem alten römischen Hafen eine Stadt und über lange Zeit war der Ort eine Hochburg für Freibeuter.

Weiter westwärts der Küste entlang machen wir am Cap-Fréhel den nächsten Halt. Zu Fuss erkunden wir die Landschaft und lassen die Farben der Erika- und anderen Heidegewächse, der Granitsteine und das Blau von Meer und Himmel auf uns wirken.

Am Tag darauf geht es via Morlaix und der Küstenstrasse wiederum westwärts. Vom Meer her treibt es Nebel in die weit ins Landesinnere greifenden Gewässermündungen. Die Stimmung wirkt einnehmend kühl und lässt einem den schaudernden Gehalt keltischer Mythologie erahnen. Im Hafen von Morlaix wo viele Segelschiffe auf bessere Zeiten warten und derweil grüne Patina ansetzen, geniessen wir wieder einmal einen wohltuenden Kaffeehalt.

Hier im Westen erinnern die Ortsnamen kaum daran, dass wir in Frankreich unterwegs sind. Plouescat setzt sich aus den bretonischen Worten Blou und Coat zusammen. Dieser Küstenabschnitt wechselt zwischen Granitsteinen, weissem Sand und grün bewachsenen Dünen ab. Die Brise des Meeres, die Weite der Küste, die schwebenden Seemöven tragen zur Magie dieser Gegend bei. Verteilt entlang der Küsten finden sich Menhire, gigantische Zeugen einer früheren Kultur.

Während wir den Sonnenuntergang beobachten tauchen plötzlich Delfine auf. Sie wandern entlang der Küste und springen bis nach Sonnenuntergang immer wieder aus dem Wasser.

Der Wochenendmarkt rund um die alte Markthalle wird von Bretonen genau wie von den Touristen genutzt. Nebst Kleidern und Gürteln werden Gemüse und Früchte angeboten. Die Markthalle stammt aus dem 15/16. Jahrhundert. Bemerkenswert ist der aus Eichenholz gefertigte Dachstock.

Unseren VW T5 schätzen wir als mobiles Zuhause, Transportmittel, Küche und widmen ihm gerne ab und zu ganz besondere Plätze, sich zu präsentieren – letztlich geniessen wir diese Ecken an bester Lage um auszuspannen, Kraft zu schöpfen und Unbekanntes zu entdecken.

Sonntag und wieder steht eine Stadtbesichtigung an. Diesmal widmen wir der Stadt Brest einen Besuch. Brest hat keine Altstadt, denn Brest wurde 1942 und 1944 durch Luftangriffe praktisch vollständig zerstört und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Sicher besuchenswert erscheint uns jedoch der Hafen, der eine zivile und eine militärische Zone hat. Von der Rue de Denver lässt sich die Hafenanlage gut überblicken. Auf der Fahrt dorthin tauchen immer wieder Bauwerke aus der Nachkriegszeit auf: viel grauer Beton, schwer wirkende Bauformen, teils protzig und träge wirkende Fassaden. Doch irgendwie vermissen wir einen spürbaren Charakter der Stadt. Vielleicht ist das nun oberflächlich gefühlt, aber trotzdem beschleicht einem die Ahnung, dass es eben möglich ist, die Seele einer Stadt durch deren Zerstörung zu beseitigen. Ist das mit Brest geschehen? Brest bleibt mit grauen, düsteren Fassaden hinter uns und wir steuern die Küste weiter westlich an.

Hafengebiet von Brest

Bevor wir an den äussersten Westen des Festlandes gelangen, nächtigen wir in einem der in Frankreich verbreiteten Camping municipal. Sie sind mit Toiletten und Duschen ausgerüstet, tragen keine Sterneklassifizierung und beherbergen mehrheitlich französische Gäste. Eine gewisse Einfachheit, die Gemütlichkeit und obendrauf etwas Charme tragen zum Laisser-faire bei, der die Ferienstimmung angenehm unterstreicht. Wir hoffen, dass erneut Delfine entlang der Küste den Sonnenuntergang begleiten. Selbst mit dem Feldstecher können wir heute Abend keine entdecken; dafür ein beeindruckendes Farbenspiel, hervorgezaubert von der untergehenden Sonne.

Am Pointe Saint-Mathieu erreichen wir nun den westlichsten Punkt des französischen Festlandes. Ab jetzt geht unsere Reise wieder ostwärts und damit wohl allmählich heimwärts. Noch liegen aber 6 Tage vor uns, die wir an der Sonne und der mittlerweile trockenen Wärme geniessen werden. Tagsüber wird es gute 30 Grad warm, das Meer lässt aber die Nächte noch immer wohltuend kühl werden.

Ein kleiner Campingplatz in Telgruc-sur-Mer, direkt am Meer gelegen, ist Ausgangspunkt unserer Ausflüge auf die Halbinsel Crozon. Der Franzose bezeichnet eine Halbinsel als «presque’ile» – mir gefällt die hübsche Bezeichnung «eine beinahe Insel». Die Presque’ile Crozon bietet auf überschaubarer Fläche viel davon, was die Bretagne ausmacht: Heidedünen, Felsklippen, Sandstrände, grosse landwirtschaftliche Flächen mit Getreide, Mais und Weideland, nicht zu vergessen die Apfelplantagen, deren Früchte zu Cidre verarbeitet werden. In der Cidrerie de Rozavern gelangen wir zusätzlich zur Cidre-Verkostung in einen Markt und in ein Open-Air-Konzert und lassen bei solidem Rock n’Roll und Cidre den Abend ausklingen. Welche ein Open-Air-Erlebnis nach dem Coronajahr!

Nicht erst auf der Presque’ile Crozon, sondern überall in der Bretagne treffen wir immer wieder auf Wanderer. Ihre Ausrüstung, Rucksack und oft auch Wanderstöcken deuten auf längere Routen hin. Die Bretagne bietet mit dem «Sentier des douaniers» einen, sich 2’000 km entlang der bretonischen Küste erstreckenden Wanderweg. Der Zöllnerweg schlängelt sich in jede Bucht und hinaus in die Landzungen. Er diente seit dem 17. Jahrhundert den Zöllnern zum Schutz des Landes vor Schmugglern und Plünderern. Der heute unter dem Namen Grande Randonnée 34, oder kurz GR34 lädt zu kurzen als auch ausgedehnten Wanderungen ein,  in Buchte, zu Leuchttürmen aber immer entlang des Atlantiks im Einfluss rauer Brise oder sengender Hitze. Wer diesen zu den schönsten Wanderungen Frankreichs zählenden GR34 in seiner ganzen Länge bezwingen will, plant rund zweieinhalb Monate in der Jahreszeit zwischen den Monaten Mai und September.

Aber nicht nur zu Fuss, sondern auch auf dem Fahrrad wird die Bretagne von vielen sportbegeisterten Menschen besucht. Das vorwiegend flache Terrain eignet sich für Fahrradtouren ideal und der Charme der Bretagne mit der abwechslungsreichen Landschaft belohnt jede Anstrengung. Ausgeschilderte Radwanderstrecken erstrecken sich auf einem Netz von total 2’000 km durch die Bretagne. Entlang von Kanälen führen Treidelwege auf welchen früher Tiere die Boote im Kanal gezogen haben. Andere Radwanderrouten nutzen ausgediente Eisenbahntrassen, gehen entlang von Küsten, von Leuchtturm zu Leuchtturm oder durch kontrastreiche Landschaften.

Während der ganzen Tour durch die Bretagne geniessen wir das Van-Leben im VW-T5, halten an bezaubernden Ecken, spüren die kühle Meeresbriese beim Übernachten nahe der Küste oder lassen es uns bei leckerem, regionalem Essen gut gehen.

Und wird die Reise eines Tages länger und länger, in Frankreich kann am Parkplatz vieler Supermärkte auch kurz mal die Wäsche gewaschen werden. Bis 18 kg passen da rein.

Hier einige Gedanken einer Momentaufnahme aus aktuellem Anlass
Eine Lobrede auf die lautstarken Frühaufsteher im Camping

Du hast aus der Nacht noch längst nicht in die Phase des halbwachen Dösens gewechselt. Du nimmst noch nicht mal den sanft und leise wehenden Wind des frühen Morgens war. Nein, du nimmst noch gar nichts war denn du befindest dich noch im erholsamen Tiefschlaf in der wohltuenden Welt der sanften Träume.
Da, ein Zurren eines Reisverschlusses – wohl jemand der getrieben vom Harndrang die Ruhe der Nacht für sich kurz unterbrechen muss. Ich ahne noch nicht, dass schon Sekunden später ein zweiter Reissverschluss mit Elan geöffnet wird. Es dämmert draussen und mir: Hier beginnt jemand seine temporäre Bleibe, sein Zelt abzubauen. Die nächste halbe Stunde bringt die Ausprägungen der DNA von Nomaden-Menschen mit herausragendem Lärmbedürfnis rücksichtslos zum Ausdruck.
Dem Zirren der Reisverschlüsse folgt das Aufreissen der Klettverschlüsse. Das Zelt hat offensichtlich deren vier! Ratsch, ratsch, ratsch und ratsch – die Halterungen sind entfernt. Vier mal folgt nun ein lautes Zischen. Pfeifend entweicht die Luft aus den beiden Luftmatratzen. Eine gute Qualität offenbar, mit je zwei Luftkammern.
Die Zeltnägel könnten relativ leise eingesammelt werden. Muss nicht so erfolgen. Ein hübsches Klack aus der kleinen Metallkisten, wo die Heringe reingeworfen werden, hilft beim Zählen. Offenbar steckt noch einer irgendwo im Boden, denn einem Mikado gleich werden die Nägel mit lautem Klirren auf einen Haufen geschüttet um sie nachzählend erneut in die Kiste zu reihen. Die Kiste wird offenbar zusammen mit dem Gummihammer am Rand des Kofferraumes verstaut, einmal rasselt es, einmal ist der Knall eher dumpf. Letzteres passt irgendwie besser zu meinem erst stumpfen Wachzustand.
Nach einigen Taschen, die lärmtechnisch wenig hergeben, liegen offenbar noch PET-Flaschen im Zeltinnern. Wie schade wäre es doch, diese ungefaltet ins Fahrzeug zu laden. PET zusammenpressen soll ja an sich eine Befriedigung auslösen, wie viel mehr bei Dämmerung des Morgens. Endlich kann der Zeltboden lautstark aus dem Zelt gezerrt und im Wind ausgeschüttelt werden. Das knatternde Falten will einfach nicht zu meinen schlaftrunkenen Zustand passen. Ich liege eher angespannt, meinem friedlichen Ausschlafen beraubt im sanften Morgenlicht im VW-Bus. Da schafft auch das Zusammenknüllen der offenbar noch zum Vorschein gekommenen Zellofansäcke nicht Abhilfe, im Gegenteil!
Lautstarkes Türknallen bestätigt die Vollbeladung der einen Autoseite. Schon bald folgt die zweite Seitentüre und die Heckklappe. Scheinbar geht die Packerei dem Ende entgegen. Meine Atmung kann wieder flacher werden. Gefehlt! Das Klack der Motorhaube lässt Böses ahnen. Genau wie die Zeltnägel gezählt wurden, wird nun der Ölstand geprüft, um danach mit einem paukenähnlichen Knall die Motorhaube wieder zu schliessen. Verkehrssicherheit hängt ja nicht allein vom Ölstand ab. Deshalb vernehmen meine Ohren nun auch noch das fiese Quietschen von Fensterputzmittel. Glücklicherweise waren es nur wenige Mücken, die es galt zu entfernen und die Quietscherei hält sich einigermassen in Grenzen.
Nicht gerade leise werden noch die Autositze richtig eingestellt. Warum dies unter leidvollem Rasseln der Zahnstangen erfolgen muss, können nur Menschen mit einzigartiger DNA beantworten. Mir bliebt das verborgen. Fahrer- und Beifaherertüre knallen, der Motor heult auf und kraftvoll fährt mein Zeltplatznachbar von seiner Parzelle weg. Er hat es geschafft und steht pünktlich zur morgendlichen Öffnung am Schlagbaum des Zeltplatztes.